Hofgemeinschaft Rothenhausen

oder wie aus einer Vision eine Erfolgsstory wurde!

 

 

Das altehrwürdige Gut Rothenhausen hatte in seiner Geschichte schon viele Eigentümer. Ende des 18. Jahrhunderts erwarb es Henning von Rumohr, der dem Schleswig-Holsteinischen Uradel zuzuordnen ist. Nach seinem Tod ging der Besitz an seinem Sohn Carl Friedrich von Rumohr, der sich als bedeutender Kunsthistoriker seiner Epoche einen Namen gemacht hatte. Danach wechselte das Gut noch einige Male den Besitzer.

In den 60er und 70er Jahren machten Misswirtschaft und der Wandel in der Landwirtschaft den letzen Eigentümern derart zu schaffen, dass 1976 wieder einmal die Verschuldung den (dann letzten) Besitzer zu einem Verkauf des Anwesens zwang.

Zu jener Zeit suchten Fritz Otto und Friedhelm Kruckelmann

 

Gut Rothenhausen, Ende des 19. Jahrhunderts 

nach einem geeigneten Ort, um ihre Visionen von neuen Wegen in der Landwirtschaft zu verwirklichen. Kennengelernt hatten sich die beiden während ihrer Schulzeit in der Waldorfschule in Bochum. Fritz stammte ursprünglich aus Witten, Friedhelm war auf dem elterlichen Landwirtschaftshof bei Dortmund aufgewachsen. Schon bald erkannten beide ihre Affinität neue soziale Ideen für das Zusammenleben sowie das gemeinsame Arbeiten zu entwickeln, nicht zuletzt beeinflusst durch die Lehren der von Dr. Rudolf Steiner begründeten Waldorfpädagogik.

 

Nach der Schulzeit sollten Studien und Praktika weitere Meilensteine auf den Weg zur künftigen Arbeit markieren.

Fritz studierte Landwirtschaft in Göttingen, wo er seine spätere Frau Ingrid kennen lernte. Friedhelm entschied sich für Biologie in Tübingen, das er jedoch in der Folgezeit gegen eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem Dottenhof bei Frankfurt eintauschte. Dort lernte er den ehemaligen GI Larry Holmes kennen, der sich für gleiche Ideen begeisterte und sich als Gründungsmitglied der späteren  Hofgemeinschaft anschloss.


Im Frühjahr 1976 hörten Fritz und Friedhelm dann zum ersten Mal über einen Makler vom Gut Rothenhausen. Eigentlich hätten die beiden die Nähe zum Ruhrgebiet vorgezogen, aber bereits nach der ersten Besichtigung änderte sich diese Einstellung etwas. Bodenbeschaffenheit und Gebäude entsprachen zwar nicht gerade den Vorstellungen der Jungunternehmer aber Lage und der alte Baumbestand wussten zu überzeugen und so begann die Zeit des Überlegens und des Abwägens. 

 Das alte Herrenhaus, wie es von den Interessierten vorgefunden wurde.

Die Substanz war alles andere als gut erhalten, so dass es nicht gerettet werden konnte und später (1983) schließlich abgetragen wurde. 

Im folgenden Sommer kam dann Dynamik in die Sache. Eine neue Situation im Verkauf um den Hof zwang die Interessierten zum Handeln. Schließlich wurde am 31. August der Kaufvertrag von Wilhelm Kruckelmann unterzeichnet. Friedhelms Vater hatte zuvor seinen eigenen Hof veräußert, aus dessen Erlös das Gut finanziert und der Hofgemeinschaft für eine neue Form der Bewirtschaftung überlassen wurde.

Ein paar Tage nach dem Kauf treffen sich die fünf Gründungsmitglieder der Hofgemeinschaft auf dem Gut: Friedhelm Kruckelmann,

seine spätere Frau Christiane Porthun, Larry Holmes, Ingrid und Fritz Otto.

Sie sitzen beim Essen im alten Garten und schmieden Pläne für erste Aktivitäten.


Die Hofgemeinschaft setzte sich Eckpunkte für ihre landwirtschaftlichen und sozialen Ziele.

 

Für die landwirtschaftliche Bearbeitung sollten die biologischen Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrer natürlichen Umwelt berücksichtigt werden (Ökologie) um damit den Grundstein für eine gesunde Ernährung zu bilden. 

 

Bei den sozialen Aspekten soll das typische Angestelltenverhältnis nicht zum Tragen kommen. Alle Mitarbeiter die sich in Vollzeit und voller Verantwortung für den Hof einsetzen sollen vielmehr als selbstständige, gleichberechtigte Partner agieren. 

Wichtige Entscheidungen, die die Gemeinschaft als Ganzes betreffen, werden von der Hofgemeinschaft einmütig getroffen.

In den unterschiedlichen Teilbereichen des Hofes werden die Verantwortlichkeiten auf Einzelne übertragen.

Das Salär ist nicht erfolgsbezogen, sondern orientiert sich an den persönlichen Bedürfnissen.

Die Beleihung des Bodens soll ausgeschlossen und die Hofnachfolge nach den jeweiligen Notwendigkeiten und Fähigkeiten geregelt werden.

 

Und schon kann's losgehen...


Bereits in den ersten Tagen kommt ein Geschenk auf den Hof an. Die Familie Scharmer vom Hof Danwisch bringt eine prächtig geschmückte Kuh, die auch noch trächtig ist. Eigentlich war der Aufbau einer Herde erst fürs nächste Jahr geplant. Aber es wurde kurzerhand improvisiert und noch zwei weitere Kälber angeschafft.



Die folgenden Jahre sind vom Aufbau der alten Bausubstanz geprägt. Die meisten Gebäude müssen renoviert oder umgebaut werden um den künftigen Bedürfnissen zu genügen.  Aber auch neue Gebäude entstehen, wie der Altenteiler (rechts). 


Zwischendurch muss aber auch mal für die Versorgung und den Vertrieb gearbeitet werden.

Auch ein ökologischer Hof kommt nicht ohne schweres Gerät aus. Für die erste Ernte muss ein 12 Jahre alter Claas herhalten.

Im großen alten Wohnhaus wird der Hofladen untergebracht. Im Angebot gibt es nur eigene Produkte: Milch, die in mitgebrachte Gefäße gefüllt wird, Brot und frisch geerntetes Gemüse.

Im neu gesetzten Backofen wird in der eigenen der Backstube zwei- bis dreimal in der Woche Brot gebacken. 



Soziales Engagement und das Miteinander sind Grundprinzipien der Hofgemeinschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Gemeinsam wird das Erntefrühstück zelebriert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Schüler der Lübecker Waldorfschule haben offensichtlich Spaß beim Pflügen.

Auf dem Ausbildungsplan für die Auszubildenden steht auch der richtige Umgang mit der Pflugmaschine.



1981, fünf Jahre nach Gründung, ist die Hofgemeinschaft schon merklich gewachsen.


2016 markierte das 40. Betriebsjubiläum. 

 

Seit ihrer Gründung hat sich ein buntes Leben in einer vielfältigen Betriebssamkeit entwickelt: 

Ackerbau

Kartoffel und Futterbau

Milcherzeugung

Viehzucht

Gärtnerei

Käseherstellung

Bäckerei mit eigener Mühle

Hofladen und Lieferservice

Waldkindergarten

und eine Windkraftanlage

 


 

 

360° Rundumsicht auf dem Hofplatz 



Es ist ein kalter, grauer Wintertag, als mich Fritz über den Hof führt, mir die Gebäude zeigt und die einzelnen Produktionsstätten erklärt.

Es herrscht eine angenehme Ruhe überall - erstaunlich für so viele Betriebsstätten auf denen entsprechend viele Menschen arbeiten. Nur das fröhliche Lachen der Kinder, die sich hier und da tummeln, durchdringt die Stille. Es ist tatsächlich ein Kleinod inmitten einer hektischen Umwelt. Kaum zu glauben, dass die nächste Großstadt nur einen "Steinwurf" weit weg ist.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es hier wohl früher ausgesehen haben mag - als die Fünf in mühsamer Arbeit den Hof Stück für Stück zu dem aufbauten, was er heute ist...

 

... und da sehe ich Larry vor dem geistigen Auge, wie er nach vollbrachtem Tagewerk gemächlich in den Feierabend radelt!

 

 

Armin Reichhardt, Februar 2018